Die Astralinsel

Aus B.E.A.R.D.S. Wiki
Dies ist die aktuellste Version dieser Seite. Sie hat keine bestätigte Version.
Wechseln zu: Navigation, Suche

M.K. Corvus'

Die Astralinsel

Fremde Gestirne überzogen den Himmel, während die vier Krieger auf ihrem Drachenboot sich durch die Fluten zu kämpfen versuchten. Wassermassen prallten um Steuer- und Backbord des heruntergekommenen Schiffes, am ersten Tage war es erträglich, zu den nächsten Tagen gingen die Vorräte aus, und nach einer Woche wünschte sich jeder Krieger, einem Manne gegenüberzustehen anstatt der Gewalt Ralfasts ausgesetzt zu sein.

Erschöpft versammelten sie sich unter das Deck ihres Bootes, sie mussten ohne Verwunderung feststellen, dass sich Wasser auf dem Boden gesammelt hatte. Eine Befürchtung hatte sich bestätigt, doch hat die lange Zeit auf hoher See die vier Wikinger jedem Schock gegenüber abgestumpft.

Das Schiff war weitaus tiefer gelegen zu dem Moment, als die vier Kämpfer aus Tunkis den Hafen von Skalme verließen. An Bord befand sich noch das hauseigene Met ihres Heimatortes, welches frisch aus zahlreichen Fässern gezapft werden konnte. Hätten sie nicht in den ersten Tagen nach ihrem Aufbruch schon zwei dieser Fässer geleert, wäre das Schiff bereits durch den Sturm auf den Meeresgrund getrieben worden. So einfältig es auch gewesen sein mag, dachte jeder Krieger, sie würden sich mit einem Schluck Met über Wasser halten, denn die Belastung des Bootes wäre somit geringer.

Von draußen dröhnte das Donnern und Blitzen in die bescheidene Kajüte, es war kaum möglich, sich nicht in einem brüllenden Ton zu unterhalten.

„Land zu sehen, wie wäre es? Jede unruhige Nacht ereilt mich derselbe Albtraum, wieder aufzuwachen und mich immer noch auf diesem gottverdammten Floß zu befinden, auf einem stürmischen Meer treibend. Und sobald ich erwache, stellt sich heraus, dass der Morgen der Albtraum ist“, grölte der stämmige Mann, während er seine von Met überschüttete Hand an seinem prächtigen, schwarzen Bart trocknete. Allesamt waren sie schon angeheitert, und in der trunkenen Vermutung, die Nacht nicht zu überleben, beschlossen sie, sich mehr von dem frischen Gebräu zu gönnen als jemals zuvor.

„Mein Kamerad“, lallte ein Krieger, dessen Bart zwischen einer Farbe von Rostkupfer und Bronze nur als Rot bezeichnet werden konnte, „immerzu behältst du Recht! Wir segeln über die Wogen des Albtraums, doch sei dir sicher, wir werden zu Weib und Kind zurückkehren!“

Der Älteste unter ihnen meldete sich zu Wort, höchst trübselig und deprimiert: „Werden wir das? Seid ehrlich, meine Gebrüder, wo sollen wir denn anlegen? Stolz bin ich auf meine Tochter, doch bin ich mir bewusst, dass ich niemals meinen Enkel zu Gesicht bekommen werde. Trächtig ist sie wie ein Øgnablök, bestimmt wurde er schon zur Welt gebracht. Und ich, ich bin nicht dort.“ - Unter dem Anflug von Tränen soff er rasch seinen Krug leer, die anderen Krieger in Mitleidenschaft gezogen.

Und an mehr konnten sich die Vier nicht erinnern, es war schwer zu bestimmen, ob sie nur bis zum nächsten Morgen oder viele Tage lang schlummerten, doch wurden sie zeitgleich durch ein lautstarkes Poltern am Boot erweckt. Kurze Zeit benötigten sie, um zu merken, dass sie auf ein Riff gelaufen waren, und so begaben sich die vier wieder nach oben, betrachteten ihre Umgebung. Die fremden Gestirne schienen sich nicht von ihrem Fleck bewegt zu haben, weniger noch hat sich der Zustand des Schiffes gebessert. Ganz im Gegenteil – es war nur noch ein Wrack. An einer Insel waren sie hingegen angekommen, eine Insel, deren Horizont von Nebelbänken verschleiert wurde. Der Ort war merkwürdig, und die Krieger fesselten mit den Händen ihre Waffen, gefasst auf jede Gefahr. Düster war es dort ohne die Sonne, der Stand schien aus Asche anstatt aus Sand zu bestehen. Nur verlangsamt trieben die Wellen an die Küste, als würde die Zeit in Kürze stehenbleiben.

„Männer“, kündete der Schwarzbärtige an, „Land in Sicht! Und dieses Land ist keines von jenen, die von unseren Göttern beobachtet werden.“


Der Boden presste seine schreckliche Kälte durch die gefütterten Stiefel der Wikinger, sobald sie hingegen ihre Füße erreichte, drohten sie unter dem lange erloschenen Feuer zu verbrennen.

Stetig baute sich der Druck auf, Panik bahnte sich an wie ein Jarlbär, und die Vier waren sich erstmals unangenehm sicher, dass es keiner dieser Bären war, von denen die Bedrohung ausging. Verlassen wirkte dieses Stück Land hingegen keineswegs, dies stellten sie umso mehr fest, als ein Schatten erkennbar wurde, der regungslos am Strand sichtbar wurde. Dennoch blieben die Details im Nebel verborgen.

„Dieser Ort“, traute sich der Rote, etwas zu sagen, „ist verflucht.“

Die Anderen ignorierten seine Worte und richteten ihre Blicke starrsinnig auf den Schatten. Er behielt eine menschliche Form, schien hingegen weitaus größer zu sein. Stillschweigend waren sie sich im Klaren darüber, dass sie sich nähern mussten, der Graubärtige hielt seine Axt bereits in beiden Händen.

Flüsternde Schreie schlichen sich in deren Ohren. Leises, schmerzerfülltes Kampfgeheul. Allmählich wurden sie sich gewiss, welche Kreaturen sich auf dieser fernen, surrealen Insel befanden. Bevor sie ihre Gedanken hingegen aussprachen, pirschten sie sich an den Schatten an, welcher sich weiterhin zu bewegen weigerte. Es hielt seine Arme an den Kopf, schien diesen regelrecht mit der eigenen Kraft zu zermalmen.

„Die Schreie – und ihr wisst, sie sind real – müssen einen fürchterlichen Lärm in seinem Geiste verursachen“, vermutete derjenige Krieger, der eben noch mit seiner Axt beinahe jede Gefahr zu vernichten drohte, „dieser Mann kann uns nicht hören.“ - Und es war gewiss ein Krieger, genau wie die vier gestrandeten Wikinger. Neben ihm war ein mächtiges Zweihandschwert in den Boden gerammt, die lederne Rüstung war mitgenommen. Von den bloßen, vertrockneten Blutspuren konnten die Kämpfer herleiten, dass dieser seltsame Krieger schon mehr Schlachten erleben musste als ihr gesamtes Dorf gemeinsam. Sein Gesicht war bereits komplett vernarbt, die Augen eingefallen und die Haut abgestorben und grau.

Plötzlich sank er auf die Knie, sobald er sich rührte, zückten die Vier ihre Waffen und sprangen schreckhaft mehrere Schritte zurück. Anstatt sie jedoch anzugreifen zeigte der gebrochene Krieger ins Nichts, die gegenteilige Richtung der Küste. Sein Schrei, den er ächzte, war kaum mehr als ein Wimmern. Seine Laute ergaben hingegen einen Sinn, wenn er auch nicht klar erkennbar war. Mutwillig und waghalsig näherte sich der Rote ihm, und er meinte die Worte heraushören zu können: „Walhall, Lüge, Walhall, Lüge.“

„Was hörst du raus“, fragte der schwarzbärtige Krieger mit dem Namen Gönner, „sag, Jolle, wovon redet er?“ - Die Augen seines Kameraden waren weit aufgerissen, ungläubig hampelte er einige Schritte zurück, ließ gar sein Schwert zu Boden fallen.

„Walhall...“, stammelte er stimmlos, „nach seinen Worten ist dieser Ort Walhall.“ - Ratlos begutachteten die Wikinger sich gegenseitig, und richteten ihren Blick immer wieder auf den gebrochenen Krieger.

Der überaus stille Sosse, der seinen blonden Bart richtete, zielte mit seinem Speer direkt auf das Nichts, und stapfte einige Schritte nach vorne, wohingegen die anderen Gestrandeten nur skeptisch seiner Leitung folgten. Das Flüstern wurde lauter.


Nach nur wenigen Minuten des im Schleichen zurückgelegten Weges, meinte Jolle, Rauch in der Ferne zu sehen. Der Graue schüttelte den Kopf, im düsteren Nebel konnte er nichts mehr erkennen. Je näher sie dem hingegen kamen desto sicherer wurde sich der Rote.

„Jemand ist dort“, flüsterte Sosse, „wir sollten achtsam sein.“

„Mir gefällt es hier nicht!“, grölte Gönner lauthals und fuchtelte mit seinem Schild furchtsam in alle Richtungen. Seine Kameraden pflichteten ihm bei, wobei sie die Meinung behielten, dass es besser wäre, sich dem Rauch zu nähern. Schnell merkten sie, dass er von einem Feuer hinaufstieg, ein Lagerfeuer, mitten in die Asche gerichtet. Daneben war ein Zelt aus Lumpen aufgebaut, scheinbar lebte hier ein Einsiedler. Und tatsächlich – nach einigen, weiteren Schritten wurde eine weitere Silhouette sichtbar, von der eine starke Ruhe ausstrahlte. Eine Weisheit, die der Angst des ersten Schattens zuwider war.

„Kommt näher“, brüllte die Gestalt von Weitem, „Ihr braucht keine Sorge und Zwiespalt zu hegen, edle Krieger. In der Ewigkeit besteht kein Anlass zur Vorsicht.“

Jolle senkte zuerst sein Schwert, welches ihm bis dahin noch an die gewachsen zu sein schien. Mit erhobenem Kinn rief er ihm hinzu: „Nennt Euren Namen. Ich bitte Euch, verratet uns, welch ein Ort dies ist.“

Nach einem hämischen Kichern antwortete der Eremit in gleichgültiger Manier: „Die letzte Antwort habt Ihr bereits erfahren, von Glück könnt Ihr noch reden, am Strand gelandet zu sein. Selten geschieht es, dass Fremde hier auftauchen, an diesen Ort, der von den herkömmlichen Göttern verlassen ist. Sogar Borne und Ralfast bekamen diese Insel niemals zu Gesicht. Die Stürme dort draußen, sie kommen nicht von Thyri. Eine Schlacht wütet auf diesem verbluteten Land, meine Krieger, und ich bin der Erste und Einziger, der vor dieser flüchten konnte.“

Die Ruhe seiner Worte und Trauer seiner Stimme veranlasste die skeptischen Wikinger dazu, ihm gegenüber eine Sympathie zu empfinden. An diesem immer noch fragwürdigen und mysteriösen Ort war er der Erste und Einzige, an dem sie sich orientieren konnten. Ihnen blieb keine Wahl – Sie gesellten sich zu ihm, sein Helm bedeckte hingegen sein ganzes Gesicht, und sein Visier wurde durchschienen von zwei schwachen, roten Lichtern, die wohl seine Augen waren.

„Sucht Ihr einen Namen für mich, so fürchte ich, Euch enttäuschen zu müssen, denn diese haben an diesem Ort nicht länger eine Relevanz. Sofern es Euch beliebt, könnt Ihr mich allerdings Hørndall nennen. Unter meinen ehemaligen Mitstreitern war ich bekannt als Hørndall, Blut des Heimdall“, stellte er sich widerwillig vor.

Der graue Krieger verneigte sich vor ihm: „In Ordnung, Hørndall, dies sind Gönner, Sosse und Jolle, uns ist diese Insel nicht bekannt, demnach bitten wir Euch demütig, uns mehr über diese zu erzählen. Wir benötigen ein Schiff, um wieder zu unserer Heimat zu gelangen.“

Der Fremde schmunzelte: „Ihr seid an Strand aufgelaufen, so müsstet Ihr bereits gemerkt haben, dass dieser lediglich aus Asche besteht. Diese irdische Welt, aus der Ihr kommt, sie befindet sich außerhalb der diesen. Wie genau Ihr den Sprung geschafft habt, nun, dies vermag ich nicht zu wissen, und interessieren tut es mich ebenso wenig. Letztendlich seid Ihr nun einer der unseren, der Krieg wütet im Innenland. Euch bleibt lediglich die eine Option, es mit Euren eigenen Augen zu betrachten.“

So schnell wies er deren Hilferuf ab, und die vier verlorenen Krieger sahen sich ratlos an. Auch der Einsiedler merkte dies, und nach einigen Minuten unangenehmen Schweigens hob er wieder seine tiefe, gedämpfte Stimme: „Sobald Ihr auf meine ehemaligen Kameraden trefft, werdet Ihr merken, wovon ich spreche. Berserker im Blutrausch, Krieger, die einen Ehrenkampf austragen, um nach dem Fall im gelobten Walhalla zu zechen.“ - Trübselig richteten sich sämtliche Blicke ins Leere, Hørndall wirkte in seiner Haltung wie ein Weiser oder ein Seher, der seinem Dorf Ratschläge erteilt und Wissen vermittelt - „Eine grauenhafte, wenn sie nicht versterben können.“

Somit verließen vier Wikinger einen fremden, gefallenen Krieger, und begaben sich durch eine nebelige Kälte, wanderten auf einem Weg aus Asche, einer unbehaglichen Prärie trotzend, die nicht mehr als die Eintönigkeit anzubieten hat.

Der Rote schüttelte den Kopf: „Ich traue ihm nicht. Weshalb sollte er uns helfen?“

Sosse seufzte, täuschte eine gleichgültige Meinung vor, um seine Angst zu verbergen: „Wahrscheinlich ist es ihm ebenso leid, dass dieses Land, in dem wir uns befinden, so wenig Friede erfährt.“

„So stelle ich es mir vor“, flüsterte der Graue skeptisch, „die Welt nach Ragnarök. Dies ist nicht der Ort, von dem der gefallene Kämpfer an der Küste sprach, es scheint, als würden wir uns in einer sterbenden Welt finden, deren Einwohner nicht übersetzen können. Ein Ort dazwischen.“

„Ich weiß, wovon er redete“, berichtete Gönner plötzlich, und seine Mitstreiter sahen neugierig zu ihm, „Krieger, die nach Walhall wollen, und es sich in einem Kampf auf Leben und Tod verdienen. Einherier.“ - Daraufhin schwiegen die Vier, bis sie von Weitem das Hallen der Kriegshörner und kämpferischen Schreie vernahmen. Erneut wurde ein Schatten im Nebel deutlich, der sich hingegen, im Gegensatz zum Vorigen, sehr geschwind und aggressiv bewegt. Nach dem Ersten tauchten ein Paar weitere Silhouetten auf, gefolgt von einem ganzen Dutzend. Der Lärm der Schlacht war weiter zu hören, als sie sichtbar war, jeder der Vier griff zeitgleich zur Waffe, um sich dem Trubel zu nähern. Das Pfeifen der Waffenhiebe schallte durch die Winde, während fleischliche Geräusche ertönten, als die Einherier sich gegenseitig exekutierten. Immer und immer wieder.

„Wie gehen wir vor?“, fragte Jolle möglichst ruhig nach, obwohl ihm bewusst war, dass es keine genaue Vorgehensweise geben konnte. Schlagartig wird ein Schrei lauter, und ein Schatten abrupt größer. Knapp konnte Gönner seinen plötzlichen Tod mit dem Schild abwehren, doch gab sein Körper unter dem Gewicht des zwei Meter hohen Kolosses nach. Seine Augen glühten rot, sein Widder-Helm ließ ihn nur umso bedrohlicher wirken. Sosse stieß seine Speerspitze in die Rüstung des Kriegers, welcher seine Zweihandaxt am untersten Griff packte und rundum jeden der vier Krieger zum Ausweichen zwang. Den Verteidigern blieb kaum Zeit, zu reagieren.

Seitlich näherten sich weitere Schreie, und der Konflikt der Unsterblichen schien sich stärker auf den Standpunkt der Wikinger zu verlagern. Ein mächtiger Streiter mit einer Doppelaxt stürmte hinterrücks an, und hackte dem abgelenkten Angreifer direkt in die Schulterblätter, der in einem schmerzhaften Aufschrei zu Boden sank. Außer Atem musterten die Vier ihren Widersacher, daraufhin zogen sie sich um einige Meter zurück, sodass der nächste Einherier sie nicht auch noch angriff. Erfolgreich – Denn er machte Kehrt und setzte seinen Ansturm fort.

„Wir können es unmöglich mit ihnen aufnehmen!“, brüllte Jolle zu den anderen, und bevor sie darauf eingehen konnten, rappelte sich der niedergeschlagene Schlächter wieder auf, die Wunde in der Schulter war nicht länger zu erkennen. Wiederholt grölte er, daraufhin umgriff er wieder seine Axt und holte aus. Der tapfere Rote tat es ihm gleich, wobei sein Kriegsschrei im Gegensatz zu dem des Einheriers wie das Weinen eines kleinen Kindes klang. Sofort versetzte er dem Gegner einige Hiebe, der Koloss wehrte diese hingegen mühelos mit dem stählernen Axtgriff ab.

Anschließend begann es, der trauernde Klang weiblicher Stimmen, die sich in den Ohren der Vier einnisteten. Man konnte nicht bestimmen, ob es sich um Klagelaute oder einfaches Wimmern handelte, sie klangen wie Sirenen, die von der Leere aus nach Ruhe bettelten.

Der Blonde rief nach seinem Kameraden und flankierte den mächtigen Krieger, sodass er einige Treffer mit seinem Speer landen konnte, der Graue auf der entgegengesetzten Seite mit der mickrigen Einhandaxt. Mit einem Satz sprang der Einherier hingegen starrsinnig nach oben, Sosse und Jolle konnten rechtzeitig ausweichen, und Gönner hielt seinen Schild nach oben. Während sich der Graue vorbereitete, um einen Gegenschlag mit der Axt zu landen, ertönte ein lautes Splittern, gefolgt von Geschrei. Das Schild des Schwarzen zersprang in Einzelteile, als der Koloss mit ganzer Kraft seine Waffe wie ein Beil durch die Abwehr hackte. Nicht nur die Holz- und Stahlstücke lagen verstreut, es war auch das Blut und Fleisch des Armes, der glatt durchtrennt wurde, die Schneide der Axt hatte halb den Brustkorb zertrümmert. Regungslos lag Gönner am Boden.

Die Stimmen hoben ihre Lautstärke in dem Moment, wo die Bestie den schwarzbärtigen Wikinger niederschlug. Sie wurden hektischer wie panischer, eine Gänsehaut überkam die verlassenen Menschen, die nicht von der Kälte herrührte.

„Nein...“, murmelte Jolle unverständlich, langsam in Rage verfallend, und mit seinem Schwert einen Hieb direkt über den Rücken entlangzuziehen. Grunzend und wütend rammte der Krieger seinen Ellbogen direkt in den Kopf von Jolle, und der Rote fällt umgehend in Ohnmacht, der Unterkiefer gebrochen und mit ausgeschlagenen Zähnen. Der Gesang wurde schiefer, als würden die Stimmen der Sirenen zusammenbrechen.

Am Nacken des Einheriers stieß der Graue unter Schweiß seine Axt rein, wodurch ein lauter Aufschrei erklang und die Zweihandaxt fallen ließ, direkt auf den Leichnam von Gönner. Sosse nutzte die Gelegenheit, um seinen Speer unter dem Helm hindurch in den Rachen des Kriegers zu stoßen, die Schreie verstummten, das Blut floss, und so fiel der Einherier nieder – Ohne jemals wieder aufzustehen.

„Er... er ist tot“, stellte Sosse fest, nach Luft ringend und Gönners Überreste betrachtend. Der graue Krieger hockte bereits neben Jolle und tastete vorsichtig sein Gesicht ab: „Jolle lebt noch, doch er hört uns nicht... sollte es einen Weg zurück geben, wird er diesen nicht überleben.“

„Diese Krieger sollten gar nicht fallen, laut den Worten Hørndalls“, merkte der Blonde erneut an und kniete neben dem Leichnam des Mannes, der zwei seiner Freunde tötete und verstümmelte. Er atmete noch. So, wie der Lärm des Krieges verstummte, erfüllte die Harmonie die Stimmen der Sirenen. Aus dem Nichts erschien ein weißer Schatten, der Hintergrund hinter diesem verschwamm. Langsam kam dieser näher, die Silhouette wurde sichtbarer, bis eine junge, hübsche Frau vor den Wikingern stand. Sie war knapp bekleidet, schien hingegen nicht zu frieren, sang stattdessen munter weiter, um sich vor dem Einherier niederzuknien.

„Danke“, ächzte er seine letzte Kraft aus, und mit dem Kuss der Frau wich der letzte Hauch von Luft aus dem gefallenen Krieger. Ein weißer Schleier glitt durch seinen Rücken, der in den Himmel aufstieg, in diesem Zug hörte das Lied der Walküre auf, und sie verschwand gleichermaßen. Trotz dem Verlust ihrer Freunde sahen die beiden, verbliebenen Wikinger gebannt der Seele zu, wie sie das Gefängnis ihres früheren Körpers verließ.

„Wir werden diese Insel nicht lebend verlassen“, wiederholte der graue, alte Krieger in betrübter Sicherheit, während er sich die Verdammten ansah, die seit Dekaden in diesem Konflikt gefangen waren, „doch wir hätten es weitaus schlimmer treffen können.“

Die Tollwut des Kampfes verstummte, und die Einherier richteten ihre fassungslosen Blicke auf ihren toten Kameraden, der nicht mehr aufzustehen in der Lage war. Abrupt trat einer von ihnen hervor, zog sein Langschwert und hielt es Sosse entgegen, den Kopf verneigend, und der Blonde wusste, dass er es ihm gleichtun musste. So trugen beide Krieger unter dem Beifall und erfülltem Siegesruhm ihren Zweikampf aus, Sosse merkte hingegen, dass die Rage seines Gegners verraucht war, der Kampfwille war enthalten, doch hatte er einen Hintergrund. Die Vorstellung des Walhalla war greifbar nahe, das Zechen schien schon wenige Momente entfernt zu liegen, und so fiel ein weiterer Einherier, der von der Erlösung geküsst wurde.

Der Graue trat mit seiner Axt dem Nächsten gegenüber.

Einer nach dem Anderen.

Die Krieger kämpften und fielen, in einem Willen, der dem des allerersten Kampfes gleichen musste, den sie austrugen. Viele Jahre gingen verloren, und nun waren sie errettet.

Alleine standen der Blonde und der Graue dort, umgeben von den Leichen ehemaliger Untoter, verlorener Seelen. Sie konnten die Geschehnisse nicht fassen, ein Vorfall hingegen blieb ihnen am meisten im Gedächtnis – Der Verlust ihrer beiden Kameraden, ihrer Freunde.

Ein Rascheln und Knistern ertönte, die Sicht um sie herum wurde klar. Der Fremde tauchte auf, gab zweifelhafte Laute von sich, wie ein Kichern, ein Lachen, in dem Glauben, als hätte er sich all die Zeit über in einem Traum befunden.

Hørndall verharrte in seiner höher gelegenen Position und betrachte in Friedfertigkeit die Leichen seiner ehemaligen Kameraden, die nun allesamt den lange ersehnten Kuss der Walküren erfahren durften. Immer leiser wurden die Stimmen, die sich im Echo durch die leere Wüste zogen. Der Verlust schmerzte ihn, wie es die verbliebenen Wikinger mit Gönner und Jolle erfahren mussten.

„Sie haben sich so an diesem Ort gequält“, flüsterte er nachdenklich, „Ihr habt heute niemanden geplündert, meine Freunde, niemanden getötet, niemanden geschändet. Nein, Ihr habt etwas weitaus Ehrenhafteres bewerkstelligt, Ihr habt vielen Kriegerseelen geholfen, erlöst zu werden, und niemals wüsste ich meinen Dank Euch gegenüber in Worte zu fassen.“

Stolz verneigten sich die Zwei, das Blutbad um sie wirkte seltsam harmonisch. Die dunkle Präsenz des Ortes verzog sich, ebenso wie es der Nebel tat, als wäre der graue Schatten über der Insel fast zur Gänze abgefallen. Eine solch schwere Mission konnten sie noch nie meistern, und sie begannen sich auszumalen, wie es wohl wäre, sobald sie es dem gesamten Volk aus Tunkis im Gasthaus „Zum versoffenen Kauzios“ erzählen.

„Ich weiß, es angemessen zu vergelten“, schlug Hørndall auf einmal vor, die Heimreise schien plötzlich kein befremdlicher Wunsch mehr zu sein. Doch dann sahen sie den letzten Einherier, wie er Großschwert wie Großaxt in je einhändig zückte und führte, und ein letzter, im ewigen Echo hallender Kriegsschrei ertönte: „Ich werde Euch im letzten Kampf zu ebenjenem, wundervollen Ort begleiten, an dem meine Brüder jetzt sind. Bis der letzte Mann steht.“

Dann sahen die beiden Wikinger, wie Hørndall, Blut des Heimdall, mit beiden Waffen über dem Kopf brüllend in ihre Richtung hinabsprang.


Ein Donner schallte über die Insel hinweg wie eine monumentale, wandernde Faust, als der erste Schlag des letzten Einheriers direkt den Arm des graubärtigen Kriegers durchtrennte. Zwar waren sämtliche Seelen erlöst worden, nichtsdestoweniger meinte man noch Schmerzens- und Kampfschreie hören zu können. Gleichwohl Sosse diese Echos mit rauer Stimme übertönen konnte, war es doch Hørndall, dessen Worte sich in seine Ohren festsetzten: „Wehe Euch kommt der Gedanke, zu sterben und mich auf dieser Insel alleine zu lassen. Wehrt Euch, weicht aus, versucht nicht zu blocken, somit werdet Ihr den richtigen Moment erwischen.“

Das Schlachtfeld war von der roten Farbe überschwemmt, die letzten Stehenden kreisten umher, während die glühenden Augen es schafft, den Blonden langsam einzuschüchtern. Ein Klirren ließ Hørndall aufheulen, Sosse sah, wie der Graue ihm die Axt in die Hüfte rammte, als er gerade direkt über ihn hinweggehen wollte, zornigen Blickes spaltete er das Fleisch seines Widersachers, welcher hingegen mit einem Tritt das gesamte Gesicht des Axtträgers mit Dreck und Blut verzierte.

„Nein. Es ist unehrenhaft, jemanden hinterrücks nach Walhall zu schicken“, brüllte er in einer Stimme, die keine Widerworte duldete, seine klaffende Wunde scheinbar ignorierend.

„Sosse“, rief der Graubärtige mit seiner letzten Kraft, sich den Stummel angespannt zuhaltend, „gewähre mir meinen letzten Wunsch, sorge dafür, dass mein kleiner Enkel und meine Tochter von meinem Tod erfahren. Ich möchte, dass er meinen Namen trägt, so, wie ich nach meinem...“ - Er röchelte erschöpft, und der blondbärtige Wikinger merkte, wie Hørndall sich zurückhielt, damit er seinen Wunsch noch zur Sprache bringen könne. Den Kopf kurz verneigend wendete sich Sosse wieder seinem letzten Freund zu, der stotternd weiterzureden versuchte: „So... wie ich... nach meinem Großvater benannt wurde. Gogontar, er soll Tjark Gogontar heißen.“

Dies waren die letzten Worte, die Sosse jemals von Tjark hörte, mehr noch das Letzte für drei Tage und drei Nächte, die die beiden Krieger schlaflos und in blinder Rage damit verbrachten, einander zu bekämpfen. Es wurde kaum heller, einzig die Erschöpfung und die zitternden Muskeln waren es, die aufstiegen. Doch der Blonde ließ sich nicht treffen, nur das Pfeifen der Hiebe war es, welches ihm in die Ohren stach. Erst bewegten sie sich über die Leichen, um anschließend durch den Nebel hindurch bis zum Haus des Einheriers zu gelangen. Das Feuer brannte sogar noch. Auf den Flammen reitend schenkten sie sich keine Gelegenheit, trafen einander leicht, und kämpften weiter, und irgendwann fanden sie sich am Fuß eines Strandes aus Asche wieder.

Der Koloss hingegen wurde zunehmend langsamer, wenn er ausholt, wurde er träger, und Sosse rammte seinen Speer tief in seine Brust, durchtrennte die morsche Rüstung und konnte an den Splittern des Griffes noch das Pulsieren seines Herzens spüren. Seine massige Gestalt sank hinab, und auf Knien überragte er immer noch den blonden Wikinger, der zitternd am Speer festhielt, den er nicht mehr mit nach Hause nehmen könnte; ebenso der Blickkontakt blieb erhalten, und das Rot erlosch allmählich in einen Rauch, der mit dem Dank des Kusses der Walküren einherging.

Sosse stürzte ebenfalls, und verlor jegliche Orientierung. Nun stand er dort, wie am Tag seiner Ankunft auch, und blickte ratlos auf diese Insel, die er niemals ergründen konnte. Hinter ihm plätscherte es, eine Galeere mit Drachenkopf erreichte das Ufer, und schien nicht einmal bemannt zu sein. Anstatt es zu hinterfragen humpelte der Blonde geradewegs auf das Deck hinzu, stieß das Schiff mit einem Ruder vom Aschestrand hinweg, und musste sich bemühen, nicht in die völligen Leeren seiner Gedanken zu versinken. Gönner, Jolle und Tjark. Wer waren sie nun, wenn nicht Geschichten? Die Astralinsel verschwand langsam am Horizont, und Sosse begab sich unter das Deck auf die erste Hängematte, die er finden konnte – Und schlief durch, bis er wieder daheim war.


Sogleich Sosse am Ufer antrieb, raffte er sich verschlafen auf, seine Glieder schmerzten noch unter den Wunden, und er fragte sich, wie er es geschafft habe, die Reise überhaupt zu überleben. All seine Gedanken richteten sich schlichtweg auf einen Ort der Ruhe, um einer hübschen Frau zu begegnen und sich mit Met zu betrinken, bis das letzte Stündchen geschlagen war. Am Hafen von Skalme war er aufgetrieben, sodass ihm jener letzter Wunsch in den Sinn kam, welcher ihm sein alter Kamerad vor dem Tod zugeflüstert hat.

Der Blick der Tochter, die ihm aus der Ferne zuwinkte, ließ jede Notwendigkeit hinfällig werden: Der Blonde war alleine und verletzt, so wusste sie, dass ihr Vater es nicht geschafft hatte sowie er niemals das Gesicht seines Sohnes erblicken könnte. Sobald er bei ihnen angekommen war, wollte er seine raue, heisere Stimme erheben, doch vorher war es die Tochter, die in honigsüßer Manier zur Sprache brachte: „Mein kleiner Tjark, dein Großvater wird unendlich stolz auf dich sein. Eines Tages wirst du ein großer Krieger werden. Du wirst Krieger ausbilden, wirst tapfere Männer hervorbringen. Dem ist er sich sicher bewusst, während er von oben auf dich herabblickt.“ - Ihr stiegen die Tränen in die Augen, und Sosse konnte nur schwer die Worte finden. Wie sollte er handeln, fragte er sich, schließlich beschloss er hingegen, der Familie zu erzählen, dass sein graubärtiger Freund im tapferen Kampf gestorben ist. Jegliche Einzelheiten zur Insel verschwieg er, und so machte er sich auf den Heimweg.

Schlaflos wanderte er des Nachts durch die Straßen der Ländereien, die so saftig Grün waren, dass er beinahe vergessen hatte, wie sich die frische Luft anfühlte. Die Asche lag Sosse immer noch in den Atemwegen. In der Nähe von Trüllsje kam er schließlich an, der Ort, den er sich bei seiner Wiederankunft auch erwünscht hat: Ein Gasthaus. Zum versoffenen Kauzios.

So ließ sich Sosse, der tapfere Wikinger mit blondem Bart, Erlöser von Hørndall, Blut des Heimdall, dem letzten Einherier, dort nieder. Schnell preschte die Wirtin zu ihm, die ihn nur schockierten Blickes musterte: „Was haben jene Verräter aus Skalme Euch angetan? Ihr seht ja wahrlich grauenhaft aus!“

„Nein“, flüsterte er, sein Gesicht weiterhin geziert von der Trübsal des Verlustes, „es waren nicht jene Krieger aus Skalme. Sie sind anderweitig gestorben, auf der Reise. Lassen wir es so stehen, ich bitte Euch, gebt mir nur einen Trunk, um mich auf andere Gedanken zu bringen, werte Dame.“

Anstatt dem Krieger hingegen Glauben zu schenken verharrte sie auf ihrer Meinung: „Ich sehe es Euch doch an! Ihr seid völlig fertig, und kamt zudem aus der Richtung dieses abscheulichen Städtchens! Mir waren sie ja immer schon suspekt! Nein, die aus Skalme sollen sich mal schön fernhalten, Ihr entspannt Euch jetzt!“

Ehe er widersprechen konnte stellte ein fremder Krieger ihm einen Krug voll Met hin, er lud ihn umgehend ein und berichtete: „Ihr werdet diese Nacht mit uns zechen, wie Eure Brüder es früher getan haben. Ich glaube Euch.“ - Er hatte diesen Mann noch nie zuvor in seinem Leben gesehen.

„Redet doch keinen Unfug“, bat ihn die Wirtin, stattdessen nickte der mysteriöse Mann ihr verständnisvoll zu, woraufhin sie sich wie von einem magischen Fluch getroffen hinfort begab. Sosse hinterfragte es nicht einmal mehr, dafür hatte er zu viel in den vergangen Tagen erlebt. „Kommt mit mir in das Kellerabteil“, schlug ihm der Herr mit einem atemberaubend langen, schwarzen Bart vor, fast, als wäre es Gönner, der zu ihm sprach, „dort können wir uns in Ruhe unterhalten, vor allem über den guten Tjark, Jolle und nicht zuletzt Gönner.“

Erstaunt folgte er ihm, und fand sich in einem überschaubaren, bequemen Raum wieder, wo verschrobene, stämmige Männer sich unterhielten wie zu Jugendzeiten, miteinander Brot und Met teilten, um sich wohlzufühlen, wie sie es nie zuvor getan hatten.

„Eine Gruppe, wie man sie selten antrifft. Wisst Ihr, Tjark war ein Teil von uns und hat sehr viel von seinen Freunden erzählt. Ihr verdient es nur, hier zu sein, und Eure Geschichte zu erzählen. Setzt Euch, und lasst kein Detail aus, irgendwann wird sich ein werter Schreiber mit all dem auseinandersetzen, sodass nichts von dem vergessen wird. Skalme trägt keine Schuld daran, dafür hat Tjark seine Familie gewiss viel zu sehr geliebt.“

Sobald Sosse seinen Platz gefunden hatte und einer Bande von Wikingern gegenübersaß, versuchte er, seine Stimme zu erheben. Ihm war es zuwider, so früh von all den Geschehnissen zu reden, gleichwohl ihm die Gesellschaft als angenehm erschien. Nichtsdestoweniger handelte er nach seinem ersten Instinkt, und dieser war, den Krug zu erheben: „Auf Hørndall, Blut des Heimdall, den letzten Einherier, und auf Gönner, den schwarzbärtigen Wächter, und auf Jolle, die Rote Klinge, und Tjark, der Verteidiger seiner Familie! Eines werde ich Euch verraten, und ich bitte jeden, es niemals zu vergessen: Die Freundschaft ist eine stärkere Liebe, als es die Liebe jemals sein könnte. Wünsche, die einem ein ehrlicher Freund in seinen letzten Augenblicken zuträgt, sind stärker, als es jede Sehnsucht der Liebe jemals sein könnte. Nun werde ich Euch eine Geschichte erzählen, die Geschichte von Kriegern und Seelen, die sich auf einem Ort begab, den ich die Astralinsel nenne.“